Der einzige Eisbär der Welt, der vor Gericht gezerrt wird
Wie viele Millionen hat Berlin durch die Vermarktung von Knut verdient - und welcher Anteil steht dem Zoo Neumünster zu?
Heiße Eisbärliebe vor Gericht: weil die Welt sich weiland in Knut verguckte, ist das Berliner Tierbaby zur Marke geworden...
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Es gibt ein paar Themen in Berlin, bei denen hört der Spaß auf. Falsch parkende Diplomatenautos zum Beispiel, Currywurstsoße ohne fakultative Röstzwiebeln oder ein Grillverbot für den Tiergarten. Und natürlich Knut.
Auch für Doris Webb ist es heute ernst. Deshalb steht sie an diesem Morgen schon früh vor dem Saal 150 des Berliner Landgerichts. Das grau melierte Haar hat sie in eine feine Welle gelegt, und an der Jacke des braunen Twinsets leuchtet ein Sticker: Knut forever in Berlin. Doris Webb hat mit ihren Mitstreitern 28 000 Unterschriften gesammelt. "Knut gehört in diese Stadt, er ist Berliner." Was heute hier passiert, muss sie sehen. Knut ist vermutlich der einzige Eisbär der Welt, um den vor Gericht gestritten wird.
Kamerateams umringen die schmiedeeiserne Saaltür. Von links und rechts nähern sich zwei Herren mit Anwaltsgefolge. Peter Drüwa, Zoodirektor in Neumünster, schmächtig, weißer Bart, leuchtend blaugrüne Eisbärenkrawatte. Bernhard Blaskiewitz, Zoodirektor in Berlin, figürliches Abbild von Balu in Moglis Dschungelbuch. Beiden sieht man an, dass sie im wirklichen Leben lieber Gummistiefel als Sakkos tragen. Und beide lassen erkennen, wie unwohl sie sich fühlen bei diesem Termin...
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Es kam aber so. Knut machte Kasse in Millionenhöhe. Genaue Zahlen sind nicht bekannt. Deshalb klagt der Zoo in Neumünster: Er will wissen, wie viel die Stadt Berlin aus den Markenrechten verdient hat - und, auch wenn das nicht Gegenstand des Verfahrens ist, seinen Teil abhaben. Von diesen Fragen kommen die Kontrahenten vor Gericht ganz schnell zum eigentlichen Verhandlungsgegenstand: Knut selbst.
Der Richter Philip Hegermann, hörbar Berliner, weiß, worum es hier geht: "Dieser Bär hat eine besondere Bedeutung für die ganze Stadt." Deshalb macht er einen Gütevorschlag:...
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Als der Anwalt schließlich ganz leise sagt, man könne Knut ja auch aus Berlin wegholen, da geht ein entsetztes Raunen durch den Saal. Der kleine Privatzoo, das ist klar, hat kein großes Drohpotenzial: Würde er Berlin seinen Bären nehmen, wäre ihm nicht gerade ein Sympathiepreis sicher. Die Parteien wollen noch mal verhandeln - es gibt eine neue Frist: Binnen zwei Monaten sollen sie sich einigen, oder das Gericht entscheidet.
Atempause für die Fans. Manche gehen jetzt erst mal in den Zoo. Vor dem Gehege des Eisbären hat sich eine eingeschworene Gemeinde den Tag in Früh- und Spätschichten eingeteilt. Doris Webb gehört dazu. Fast stündlich landen neue Fotos im Internet. Knut beim Schlafen, Knut beim Kratzen, Knut beim Ansabbern eines alten Lappens. Doris Webb hat selbst laminierte Aufnahmen dabei. Sie geht fast täglich in den Zoo. "Drei Stunden sind wenig. Man muss ja wissen, was los ist. Dieser Bär agiert anders als andere." Zum Beispiel wie? "Zum Beispiel kann Knut sich mit der eigenen Kralle im Ohr popeln. Das ist doch außergewöhnlich."
Mehr darüber:
http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2030129_0_9223_-der-einzige-eisbaer-der-welt-der-vor-gericht-gezerrt-wird.html
LIebe Grüße,
Linnea