Geschichten aus Zoo und Tierpark - Nashörner müssen gar nicht schlau sein
Von Tanja Laninger - aus der Berliner Morgenpost
Manche Frauen machen einem Angst. Neulich hatte meine Kollegin ausnahmsweise ihre Brille auf. Ein Teil von mir überlegte fieberhaft, ob ich alle Hausaufgaben gemacht hatte. So viel Zeit bleibt nicht, wenn die Frau ein Nashorn ist und kein Gitter Mensch und Tier trennen.
Alfred Brehm hat vom Nashorn, das zu den Big-Five-Touristenattraktionen gehört, als dem wütendsten aller afrikanischen Tiere gesprochen. Das ist sogar im Zoo zu sehen. Nashorndame Kilaguni kann sehr schnell sehr gereizt sein. Dann dreht sich die tonnenschwere Kuh im Kreis - sie nimmt Anlauf -, rennt auf das Gitter zu, hebt den Schwanz und schnaubt, und man bildet sich ein, dass ihre Äuglein rot glühen.
Die Augen sind das Problem. Nashörner sind kurzsichtig und weil ihre Augen an der Seite liegen, sehen sie nie, wer vor ihnen steht. Ist da was, machen sie einen Satz nach vorn. Dabei kommt der zweite Teil des Namens ins Spiel: das Horn. Gesund ist so ein Kontakt nicht. Vizerevierchefin Claudia Oppat behilft sich deshalb mit dem Exportschlager jeder Friedensbewegung: dem Gespräch. "Ich rede immer, wenn ich im Pflegergang bin. Dann wissen die Tiere, dass ich da bin", sagt die 29-Jährige. Und sie können sie wohl auch riechen - um auf den ersten Teil des Namens einzugehen. Die Nase beim Nashorn ist riesig, und es steckt viel drin. Das Volumen der Riechzellen soll um ein Vielfaches größer sein, als das der Gehirnzellen. Nashörner sind einfältig. Vielleicht hat der Schriftsteller Eugène Ionesco in seiner Parabel "Die Nashörner" deswegen als Symbol für Mitläufer und Politfanatiker gewählt.
Die Tendenz zur Dummheit entsteht durch fehlende Herausforderungen, wie Tierarzt Andreas Ochs erklärt. "Nashörner haben keine natürlichen Feinde, und als Einzelgänger haben sie keine Sozialstruktur. Sie müssen gar nicht schlau sein." Wir reden über Spitzmaulnashörner - die mit der fingerförmigen Oberlippe -, von denen acht im Zoo leben und nur noch geschätzte 3000 Exemplare im Süden Afrikas. Sie gelten laut IUCN, der Weltnaturschutzunion, als stark bedroht. Mal wieder ist es der Mensch, der die Tiere il-le-gal jagt. Er ist scharf aufs Horn, das als Potenz steigernd gilt, weil Nashornbullen bis zu einer Stunde auf der Kuh reiten. Dabei schießen sie im Minutentakt Sperma ab. Wer's mag ... Im Zoo klappt es mit der Reproduktion sehr gut. Seit 1981 kamen 15 Jungtiere zur Welt: Kilaguni - der Wildfang kam 1974 aus Südafrika nach Berlin- hat vier lebende zur Welt gebracht. Sie alle tragen Doppelhorn. Es besteht wie Haare aus Keratin. "Es wächst nicht über einem Knochenzapfen, sondern wird von speziellen Hautzellen an der Aufsatzstelle gebildet." Ochs hat so ein Minihorn auf seinem Schreibtisch stehen. Die Tierpfleger haben die Spitze in tagelanger Geduldsarbeit bei Jasper abgesägt, weil des Bullen Horn fehlgewachsen war. Jasper ist friedlich. Immerhin erhält er vorsorglich wertvolles Luzerneheu, tägliche UV-Bestrahlung und wird mit Paraffinöl eingecremt, damit die Haut geschmeidig bleibt. Streicheleinheiten schätzt er am Hals. "Sie können Jasper auch ins Ohr greifen. Er mag das", sagt Claudia Oppat. Manche Frauen machen einem Angst.
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Liebe Grüße,
Linnea